Crew in Deutschland

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Die Sameera Crew ist wieder in Deutschland, zunächst einmal bei der Großfamilie in Norddeutschland, die uns ein „warm welcome“ beschert hat.

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Und nach einer Woche dort geht es dann nach Hause Richtung München.

Mission completed – ein Jahr Segeln, Reisen und Weltkennenlernen ist vollbracht.

Rockets in Florida

Kurz nach dem Ablegen von unserem letzten Bahamas-Aufenthalt auf den Berry Islands in Richtung Orlando / USA sind unsere Gefühle schon sehr stark von Abschiedskummer geprägt: Die Etappe von den Bahamas nach Florida wird bis auf weiteres unser letztes Blauwassersegeln und Endetappe unserer 1-Jahres-Reise sein…. Wie wird sich das anfühlen, wieder an Land zu leben, wie gut wird es uns gelingen, diese besondere Zeit in den uns dann bald in Deutschland erwartenden Alltag einzuflechten? Wie sehr wird uns allen das Sameera-Leben, die intensive Zeit miteinander und das Meer fehlen?

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Aber wie das so ist beim Segeln, es bleibt gar nicht viel Zeit zum Trübsal blasen, denn der Golfstrom erwartet uns auf diesem Trip und mit ihm eine spezielle Erfahrung des Segelns: Das Wasser ist unglaublich tiefblau, noch viel blauer, als wir es erwartet haben, außerdem ist es warm und gleißend hell. Wir haben relativ wenig Wind, unser bunter Genakker, sonst großartiger Turbomotor in allen Lebenslagen, hängt kraftlos eher in als an seinen Leinen und raschelt vernehmlich. Das Mittagessen ist  schon eine Weile her, gespült ist immer noch nicht ganz fertig, und niemanden kümmert es. Wir sind der Welt entrückt, allein die immer wieder vorbeiziehenden Frachter und Kreuzfahrtschiffe bieten den Blicken Halt. Die Funksprüche der Küste Floridas nehmen wir nur am Rande wahr, alles läuft ruhig und entspannt, wir hängen unseren Gedanken nach und plaudern, lassen das eine oder andere Erlebnis der Reise revuepassieren. Aufruhr herrscht allenfalls, als ein Sportfischer mit seiner kräftigen Motoryacht so dicht an uns vorbeifährt, dass seine Heckwellen die aufgetürmten Teller und Töpfe scheppernd in unserer Küche verteilen (Okay okay: Klar-Schiff segelt es sich doch am besten…).

Dann wieder cruist SAMEERA träge in flachen Wellen. Und dennoch, der Blick auf unser GPS verrät es: wir sind mitnichten langsam unterwegs, sondern dank Golfstrom-Antrieb werden wir kräftigst angeschoben, wie in einem Fahrstuhl, der uns schneller als wir es wahrnehmen nach Orlando hebt.

Gabriel´s Lagebericht am 22.06. um 15:30: „Wir fahren mit 3 Knoten durchs Wasser, fahren 7 Knoten over ground, bei 7 Knoten wahrem Wind.- Man kann sich gar nicht vorstellen, dass wir eigentlich gerade durchkatapultiert werden!“

Die Geräte zeigen´s: 7 Knoten Fahrt über Grund bei 3 Knoten Fahrt im Wasser:

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Für die alten Seefahrer ohne Logge, GPS und kräftige Motoren als allzeit abrufbare Option muss das die Vorstufe der Hölle gewesen sein. Wie kann man die Konzentration wahren bei diesem Licht und dieser Hitze? Wie die Orientierung behalten, wenn die Abdrift schneller ist als die Fahrt durchs Wasser? Man kann schon verstehen, dass sich so mancher Seefahrer rund um das sogenannte „Bermuda-Dreieck“ um den Verstand gesegelt hat, da ihm das gleißende Licht und die verwirrende Strömung die Wahrnehmung trübten.

Die leidvollen Erfahrungen der ersten Seefahrer, den echten Abenteurern, sind für uns keine wirkliche Bedrohung mehr; wir konnten uns knapp dem Wahn entziehen – wenn auch wir die leicht paralysierende Wirkung dieser Gegend verspürt haben (Spülen? später… Funken? jaja…). Die  Satellitennavigation macht diesen Teil des Golfstroms für uns verständlich, ja wir können ihn vorteilhaft nutzen. Aber haben wir den Golfstrom insgesamt verstanden?

Unzählige Male hat jeder von uns im Atlas seine Windungen an der Oberfläche und in der Tiefe angesehen, immer noch nicht könnten wir es erklären. Wie es scheint, lässt er sich von  Klimawandel, Erderwärmung und Wahlergebnissen auf beiden Seiten des Atlantiks nicht aus der Ruhe bringen. Der Brexit und Donald Trump sind ihm egal. Der Humboldtstrom kämpft mit El Nino, die Passatwinde gegen die immer frecher werdenden Tiefdruckgebiete, nur der Golfstrom zieht weiter seine Bahn.  Sollte er gotterschaffen sein – ist Gott vielleicht ein Segler? Gar ein Segler aus England, der mit dem Wind nach Westen segeln und mit dem Strom pünktlich wieder zu Hause sein kann?

Ok, es wird Zeit, an Land zu gehen….

Am Vormittag des 23.06. landen wir in Cape Canaveral an und machen die Leinen am Steg der dortigen Cape Marina fest.

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Wir kommen gerade rechtzeitig, um den Start der Falcon X Rakete – sozusagen vom ersten Rangplatz aus – zu beobachten (nicht ganz zufällig übrigens; wir hatten über Wochen die Terminverschiebungen des geplanten Raketen-Starts im Internet verfolgt und darauf gepokert, dass wir es so doch pünktlich zum tatsächlichen Start  schaffen würden – Glück gehabt also!). Dafür klettern wir auf das Dach der Sameera, machen es uns im Sitzsack gemütlich und starren in den Himmel.  Das Spektakel ist laut und schnell, aber der kleine, rasante Punkt am Himmel ist bei klarem Licht gut zu erkennen und der gigantische Kondensstreifen bleibt noch lange sichtbar. Was für ein Empfang – weit beeindruckender als Korkenknallen!

Suchbild Rakete:

Suchbild Rakete h

Kondensstreifen der Falcon X Rakete über der Sameera:

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Die nächsten Tage sind wir dann gut damit beschäftigt, unser Hab und Gut von der Sameera zu räumen, in Boxen und Reisetaschen zu verpacken und das Schiff zur Übergabe an die Transfer-Crew vorzubereiten. Sie wird für uns die Sameera nach Europa zurücksegeln, während wir eine Rundreise durch Florida unternehmen und dann per Flugzeug nach Deutschland zurückreisen. Für diese Variante haben wir uns entschieden, da die Tour nach Europa – je nach Wetterlage – recht rau ausfallen kann, was wir insbesondere den Kindern – voran dem kleinsten – nicht zumuten wollten. Zudem ist die Dauer des Trips nach Europa nur sehr schwer kalkulierbar – da wir aber zu einem fixen Zeitpunkt (Roland´s Arbeitsbeginn) wieder in Deutschland sein müssen, entscheiden wir uns für die „planbare Variante“ per Flug.

Die Transer-Crew ist eine sympathische 4-Mann-Truppe, zusammengewürfelt aus Neuseeland, USA, England und Norwegen; erfahrene Skipper, die sich schnell und routiniert mit der Sameera vertraut machen (Briefing, Testsegeln etc.).  Nach erledigtem Räumen und Verproviantieren der Crew machen sie sich am 29.06. auf den Weg Richtung Europa (über Bermuda und Azoren). Wir 5 Kunerts winken unserer Sameera wehmütig hinterher….

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… und klettern sodann in das Wohnmobil, das wir uns für die Florida-Rundreise gemietet haben. Jetzt sind wir also wieder Landratten.

Womati Slider

Das  Wohnmobil hat amerikanische XXL-Dimensionen und – wie es sich für Amerika gehört – kann man das Mobil zusätzlich durch seitliche Slider extenden. Wow. Es bietet also reichlich Platz – und ist doch, wenn man es auf den Camp sites mit den anderen dort versammelten und üblichen Wohnkolossen vergleicht, ein relativer Winzling. Für uns passt´s – und mit Gaudium schaukeln wir damit über die Highways Floridas. Haben wir anfangs noch über die Klimaanlage gelächelt, sind wir spätestens nach der ersten glutheißen Nacht im Wohnmobil  zu treuen Anbetern dieses Equipments konvertiert. Es macht schon Sinn, dass die Hauptreisezeit für Florida nicht im Sommer liegt… Wer sich trotzdem innerhalb dieser Monate zu einer Floridareise hinreißen lässt, muss eben mit infernalischer Hitze und Mückenattacken rechnen…. und ist froh, wenn er sich davor ins wohltemperierte Wohnmobil retten kann.

im Womati

Spätestens hier ist uns aufgefallen, wie sehr wir das Leben an Bord vermissen: immer eine frische Brise um die Nase, immer die Möglichkeit, sich kurzerhand im Meerwasser zu erfrischen, keine Mücken an Bord, da sie vom Winde verweht werden… Wir müssen uns langsam entwöhnen…

Nun ja, es ist Juli – und wir erkunden Florida per Wohnmobil und ignorieren tapfer die Hitze. Das Kennedy Space Center ist erfreulicherweise klimatisiert – und mit Begeisterung stürzen wir uns in die Geschichte der Raumfahrt. Die Apollo-Missionen, das Space-Shuttle-Programm, moderne Mars-Expeditionen und vieles mehr sind Themen, zu denen sich vor allem die Jungs einen lieben langen Tag mit Forschertrieb und Amüsement austoben können.

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Wir waren ja sehr neugierig nicht nur aufs Land, sondern auch auf die Leute hier. Unser erster Eindruck ist, dass die meisten Menschen extrem freundlich und aufgeschlossen uns gegenüber sind. Das mag natürlich daran liegen, dass wir uns vornehmlich dort bewegen, wo wir auf Leute mit ähnlichem mindset und Interessen treffen (sprich die ersten Tage in der Marina; da findet sich immer und schnell ein Anknüpfungspunkt und Gelegenheit zum Plausch, unter Seglern allemal).

Aber auch auf dem Roadtrip sind wir immer wieder auf sehr freundliche Leute getroffen – auch wenn uns auf den Campsites das Hissen großformatiger Trump-Flaggen durch die Nachbarn um das eine und andere Mal doch irritiert hat.

Im Socializen sind Lorenz und Gabriel im Verlauf unserer Reise wahre Meister geworden (auch „unsere Außenminister“ genannt). Ein unverfängliches Gespräch übers Segeln und Angeln, und sie bringen uns auch mit Leuten ganz anderer Weltanschauungen und Couleur in Kontakt. Und so konnten wir mit Trump-Gegnern, die eine Isolation Amerikas und weltweite Destabilisierung befürchteten, als auch Trump-Fans, die in Trump einen gewieften Pokerspieler zu Amerikas Gunsten sehen, gleichermaßen ins Gespräch kommen. Natürlich waren wir nur eine kurze Zeit dort und haben nur einen minimalen Ausschnitt aus Kultur und Ansichten aufschnappen können. Das zu vertiefen, wäre sicher eine nächste Reise nach Amerika wert – nur bitte nicht im Hochsommer…  Aber bitte gern mit unseren Jungs, die so unbefangen auf ihr Gegenüber zugehen und Türen öffnen, wie wir Großen es oft leider schon nicht mehr tun.

Nach unserem Rundtrip mit Stationen in Key Largo (Rifftauchen):

Key Largo

Miami (Frost Science Museum und Miami Beach):

Miami

den wunderschönen Everglades (mit beachtlichen Mücken, Alligatoren und Manatis):

Everglades   Alligatoren   Manatee

St. Petersburg (mit surreal erbautem Dalí-Museum):

Dali Museum Treppe Dali Museum

und schlussendlich Orlando (hier früher Kaffee auf dem Campground):

Frühstück auf Campsite Orlando

verfrachteten wir unser Gepäck und uns in den Flieger.

Auf nach Europa – nach einem Jahr wunderbarer Eindrücke und Erlebnisse!

Prunk in Nassau und Abschied aus den Bahamas

Für die Erkundung der einsam-schönen Ragged Islands, Jumentos und der Exumas haben wir uns insgesamt mehr als einen Monat Zeit gegönnt und sind in die dortige Natur förmlich eingetaucht. Nach dem Besuch der „Bahamas-Schweine“ haben wir – auf James Bond´s bzw. Sean Connery´s Spuren – die Thunderball-Grotto vor Staniel Cay besucht.

P1060358-Grotte 1   Grotte 2

In dem Wasser dieser riesigen Naturhöhle mit viel Tageslicht, das durch ein Loch im Gestein des Deckengewölbes hereinscheint, leben unglaublich viele und sehr bunte Fische. Wenn nicht gerade ein Motorboot einen Schwung Gäste in diese Grotto entladen hat (denn die Thunderball-Grotto ist eine bekannte Touristenattraktion, so werden Touristen aus auch weiter entfernten Teilen der Bahamas hierher befördert), ist es wunderbar beschaulich darin und man kann in aller Ruhe „abtauchen“. Allerdings muss man die Gezeiten vor dem Eintauchen in die Grotte gut beachten, damit man auch problemlos wieder aus der Höhle heraustauchen kann, in der also schon James Bond seinen Martini gerührt hat.

Wardrick Cay:

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Severin bestaunt das Skelett eines vor Jahren hier gestrandeten Pottwals:

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Gabriel taucht gemeinsam mit einem Ammenhai an einem Schiffswrack:

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Nach kurzem Besuch des Naturparks „Exuma Land an Sea“ in Wardrick Cay hangelten wir uns weiter Richtung Norden bis nach Shroud Cay. Andere Segler hatten uns empfohlen, dort mit dem Dinghy durch einen mangrovengesäumten Salzwasserfluss bis an die andere Uferseite der kleinen Insel zu schippern, weil man von dort einen sagenhaften Blick auf den Atlantik habe. Unsere Jungs waren anfänglich nur zäh zu diesem Vorhaben zu motivieren, da sie meinten, ja inzwischen schon wirklich vielmals den Atlantik gesehen zu haben… Wohl wahr. Aber Gott sei Dank sind sie doch mitgekommen! Denn erstens hatte das Durchqueren des Mangrovenflusses echtes Amazonasfeeling und zweitens – der Blick, der sich am Ende des Flusses vor uns auftat, war tatsächlich absolut prospektreif! Weißer Strand, wilde Felsformationen mit kleinen türkisen Tümpeln, dahinter türkises Plätscherwasser und dann der tiefblaue, rauschende Atlantik. Da musste man sich einfach in die Wellen stürzen!

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Weiter ging´s nach Nassau, der Hauptstadt der Bahamas auf Providence.

Hier kristallisiert sich auf Meilen hin weit sichtbar der für die Bahamas legendäre Luxus, der zu nicht geringem Ausmaß der laxen Banken-und Steuerpolitik der Bahamas zugeschrieben wird. Prachtvolle Villen liegen an den exklusiven Stränden, imposante Hochhäuser und Resort-Anlagen gruppieren sich um die Hafendurchfahrt – und als Inbegriff von Saus und Braus ist das riesige rosafarbene Hotel „Atlantis“ im Zuckerbäckerstil mit Delfin-gekrönten Säulen und Türmchen schon aus großer Entfernung zu erkennen. Das alles steht in so krassem Kontrast zu den unberührten und einsamen Inseln der Bahamas, die wir bislang besucht haben, und auch zu den eher kärglichen Wohnverhältnissen und Umständen, in denen die meisten Bahamianer leben.

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Nachdem wir die Sameera vor einer der schicken Ufervillen geankert hatten, machten wir uns auf den Weg zum Hotel Atlantis auf Paradise Island. Unser Plan war, uns auf das Gelände zu schleichen, um den Prachtbau mit Riesen-Spaßrutschen durch Riesenaquarien und Riesencasino einmal aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Das Einschleichen klappte überraschend mühelos – und vor uns tat sich eine Welt auf, die selbst König Ludwig XIV. zu maßlosem Staunen gebracht und mit Neid erfüllt hätte. Wir jedenfalls haben uns gefühlt wie „der Bauer im Königsschloss“! Unfassbar, in welchen Dimensionen diese gesamte Anlage entworfen wurde, durch welch gigantische Hallen und Gänge man lustwandelt und wie an jeder Ecke neue Überraschungen aufwarten. Der Inbegriff von „think big“! Wie ist das möglich, dass solch ein Protz und Prunk gelebt werden kann?!

Atlantis Aussen 1    Atlantis Gewölbe  Atlantis Saal

Mittendrinuntendrunterundaußenrum verläuft ein giganteskes Aquarium, dessen Fische die Gäste im Speisesaal umschweben und das man auch durch im Kellergewölbe verlaufende Gänge aus betrachten kann. Sealife ist ein Klacks dagegen.

Aquarium Atlantis

Blick in den Speisesaal mit Aquarien:

Atllantis Speisesaal

Eine idealisierte Beachkulisse umgibt das kolossale Hotelgebäude.

Atlantis Seepferd

Alles ist groß. Sevi verschwindet förmlich in einem Thron:

Atlantis Sevi Thron

Selbst Lorenz und Gabriel wirken plötzlich winzig:

Atlantis L und G Pokal   Atlantis Wohnzimmer

Luxusboutiquen und ein bombastisches Casino runden den Spaß des Hotelgastes ab:

Atlantis Casino   Atlantis Casino 2

Abendstimmung in der zur Anlage gehörigen Marina:

Atlantis Abendstimmung

Nach diesem Ausflug in den beeindruckenden Luxus Nassaus haben wir uns aber schnell wieder auf ein einsames Inselgrüppchen zurückgezogen, die Berry Islands. Irgendwie hat uns Nassau irritiert, die beschauliche Natur hier tut der Seele wohler.

Vorher, nämlich beim Auslaufen aus Nassau, wartete allerdings noch einen aufreibender Nervenkitzel auf uns: das Unterqueren der Paradise Bridge.

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Geschafft! Nun können wir also mit Sicherheit sagen, dass die Gesamthöhe der Sameera 69 Fuß ( = 21,8 m) nicht überschreitet.

Die Crew mit leicht schlotternden Nervenkostümen:

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(Natürlich wussten wir schon vorher, dass die Sameera unter dieser Brücke hindurchpasst – aber im entscheidenden Moment und mit Blick in die Mastspitze wird man – zugegeben – dann doch intuitiv nervös: „Was, wenn die Maße nicht korrekt angeben waren?!?!?“)

Zurück in die Natur:

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Ausgelassen genießen wir die letzten Tage unseres Bahamas-Aufenthaltes.

Auf die Plätze – fertig …..

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… los!

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Severin und Roland üben sich im Hecht-Sprung:

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Wir hätten hier, auf den Bahamas, noch viel mehr Zeit verbringen können und mögen, denn es gibt noch unendlich viele weitere den Bahamas zugehörige Inselketten und Cays …. – für´s nächste Mal…!

Neben dem reinen Spaß und Genuss bietet unsere Reise auch zahlreiche Denkanstöße und Möglichkeiten, sich mit Themen wie Klimawandel, Gerechtigkeit, Leistungsgesellschaft, Politik, Motivatoren und Motiven auseinanderzusetzen. Das ist eines der prägenden Elemente unserer Reise: dass wir hier ausreichend Zeit und Muße finden, auch mit unseren Kindern ausführlich über solche Dinge zu diskutieren.

Leider haben uns sehr traurige, persönliche Nachrichten von Freunden aus Deutschland erreicht, die uns sehr ans Herz gehen und zu Demut mahnen. Dass wir unser Abenteuer so erleben durften und dürfen. Und dass wir alle gesund sind…

So nehmen wir mit Wehmut Abschied aus den Bahamas, seiner Abgeschiedenheit, der idyllischen, türkisgefärbten Natur und dem sagenhaften Sternenhimmel, den wir so als unendliches Lichtermeer wohl lange nicht mehr zu Gesicht bekommen werden. Sterne bis zur Meereskante; über und über ist der Himmel übersäht von Millionen von Lichtpunkten – das ist im wahrsten Sinne „Wunder-schön“ und gehört mit zu den eindrücklichsten Bildern, die wir von unserer Reise mitnehmen werden.

Kurz bevor die Sterne aufgehen:

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Doch unsere Reise führt uns weiter, unser nächstes Ziel heißt bereits Cape Canaveral in den USA, wo wir in schon einer Woche unsere Sameera an „Andrew und sein Team“ übergeben werden, das wir beauftragt haben, die Sameera für uns nach Europa zurück zu segeln. Das bedeutet, dass wir zuvor das Schiff komplett ausräumen und ein paar Kartons packen, die wir nach Deutschland schicken (Schulbücher!) und natürlich unsere 5 Reisetaschen. Wenn wir dann unserer Sameera hinterher gewunken haben (mit wahrscheinlich Tränchen in den Augen), werden wir samt jener Reisetaschen in ein gemietetes Wohnmobil steigen und noch zweieinhalb Wochen lang einen „Roadtrip“ durch Florida machen.

Den USA nähern wir uns definitiv mit gemischten Gefühlen an – zum einen, weil dort unsere Segelreise enden wird. Zum anderen aber wegen der Frage, die uns schon lange bewegt: wer das sein mag, die einen Mann wählen und ihm zujubeln, der wie ein Elefant im Porzellanladen durch die Geschichte trumpelt? Schon als wir zu unserer Atlantiküberquerung aufbrachen (am 9.11.16), lag uns das folgenschwere Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl, das wir gerade noch aus dem Internet aufgeschnappt hatten, schockartig und schwer im Magen, sodass lange Zeit nicht klar war, ob uns die ersten drei Tage des Crossings wirklich die meterhohen Wellen oder doch das Wahlergebnis massive Übelkeit verursachten. Auf unserer bisherigen Reise haben wir auch eine ganze Reihe Amerikaner kennengelernt. Und bislang haben alle sich von Trump deutlich distanziert und sich eher peinlich berührt bis entsetzt über die Stilblüten und Demolagen ihres Präsidenten geäußert. Aber das kann ja nicht die einzige Position der Amerikaner sein. Wie ein Schisma zwischen Befürwortern und Ablehnern trennen sich die Wahrnehmungen der politischen Realität, so wirkt es auf uns aus der „ausländischen Perspektive“. Die Spannung wächst also, wie sich das im US-Alltag darstellt – und wieviel wir davon werden spüren können.

Sameera auf Fahrt:

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Allerlei los unterm Boot

Dass wir keine Person aus Kuba herausschmuggeln konnten, war ja nun von offizieller Seite sichergestellt worden. Dafür aber, so stellten wir beim ersten Tauchgang nach Ankunft auf den Ragged Islands fest, hatte sich ein ausreisewilliger Remorafisch an unser Unterwasserschiff geheftet, um mitzureisen. Mittels einer Saugplatte, die sich aus einer Rückenflosse gebildet hat, saugen sich die Remoras an größere Fische, z.B. Haie oder Meeressäuger an, um mitgenommen zu werden und ihren Schutz zu genießen. Und manchmal eben auch an Schiffsrümpfe, wovon schon Aristoteles berichtet haben soll (sagt Wikpedia) und weshalb sie auch Schiffshalterfisch genannt werden.

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Von Kuba aus ist es eine Tagesreise bis zu den den Bahamas zugehörigen Ragged Islands – frei übersetzt heißt das so viel wie „die Fetzeninseln“ – und das beschreibt es auch schon ziemlich genau: unzählbar viele kleine unbewohnte Inseln und Inselchen („Cays“), die meisten nicht viel mehr als ein paar hingekrümelte Felsbrocken im großen Atlantik, in einer ca. 35 Meilen langen Kette aneinander gereiht. Die Durchschlupfe zwischen diesen Inseln sind oftmals zu schmal oder zu flach, als dass man mit dem Schiff hindurchfahren könnte, nur einige sogenannte „Cuts“ sind dafür geeignet. Insgesamt ist es in der gesamten Bahamas-Region von besonderer Bedeutsamkeit, sich mit den Seekarten intensivst auseinander gesetzt zu haben.  Denn westlich der Bahamas-Inselketten befinden sich jeweils sogenannte „banks“, also gewaltig große und gewaltig flache Areale, in denen die Wassertiefe zwischen 8 und 1 Meter Wassertiefe variiert. Dieses Fahrtgebiet ist also von sich aus schon nur für Schiffe mit wenig Tiefgang geeignet (ideales Katamaran- Revier!), an vielen Stellen ist es aber sogar für diese zu flach, Stellen also, um die man herummanövrieren oder auf die Ostseite der Inseln mit tiefem Gewässer ausweichen muss. Segeln in dieser Region sollte man tunlichst bei Tageslicht, möglichst mit „Eyeball-Navigation“, also mit jemandem am Schiffsbug, der aufmerksam nach Untiefen und Korallenköpfen Ausschau hält.  Oder auch nach Wrackresten.

Eyeball-Navigation auf den Exuma Banks:

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Nach unserem bereits vor Martinique absolvierten Auflaufabenteuer sind wir inzwischen recht routinierte „Flachwassersegler“ geworden. Auch beim Ankermanöver sollte man Bedacht walten lassen und beispielsweise den hier ausgeprägten Tidenhub mit einberechnen, der bei falscher Berechnung das Schiff zum Aufsitzen bringen kann.

Gott sei Dank exakt berechnet: Sameera vor Anker mit verbleibenden Zentimetern Wasser unterm Kiel:

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Das Ankern und Verweilen vor diesen Inselchen ist absolut lohnenswert: das Meer ist ruhig,  das Wasser helltürkis und unfasslich klar, es herrscht meilenweite Einsamkeit. Es gibt auch erstaunlich wenige andere Segler, die sich hierher verirren, was einerseits daran liegt, dass wir uns dem Saisonende annähern, andererseits an der Versorgungssituation. Es gibt hier natürlich weit und breit kein einziges Geschäft, sodass man nur mit guter Proviantierung und möglichst autarker Frischwasserversorgung den Besuch der Ragged Islands und weiten Teilen der weiter nördlich gelegenen Exumas genießen kann. Erst in Goergetown gibt es wieder Geschäfte.

Wir haben dank Watermaker, Freeezer und tiefen Bilgen an Bord gut vorgesorgt und können daher die „Einsamkeit in Türkis“ vollends auskosten.

Water Cay auf Ragged Islands:

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Sevi mit Sameera im Hintergrund:

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Was macht man hier den ganzen Tag? Nun, uns wird es eigentlich nie fad, alle fünf sind wir ausgesprochene Wasserratten und können über Stunden im Wasser herumsquapsen. Seit ihrem Freitauchlehrgang in Guadeloupe sind Lorenz, Gabriel und Roland schon gar nicht mehr aus dem Wasser rauszuholen und jagen leidenschaftlich die Riffe ab auf der Suche nach Feuerfischen. (Wie berichtet: zu deren Jagd wird von offizieller Stelle aufgerufen, da sie als Fremdlinge ohne natürliche Feinde sind und die hiesigen Riffe leerfressen und somit bedrohen.) Zudem strukturiert das Schulprogramm der Jungs unseren Bordalltag – das Schuljahr neigt sich dem Ende zu und im Endspurtfieber arbeiten Lorenz und Gabriel die Berge von zu absolvierenden Lehrmaterialien und Schulaufgaben ab. Einer der Erwachsenen ist derweil als Lehrer, Motivator und Disziplinarbevollmächtigter eingespannt, während der andere mit Severin spielt, malt, bastelt und / oder das Schiff in Schuss hält. Auch Essen ist bekanntermaßen eine Kunert-Leidenschaft, die samt Vor- und Nachbereitung gut beschäftigt. Die Nachmittage sind meistens schulfrei: jede Menge Zeit also zum Lesen, Baden, Tauchen, Landausflüge unternehmen etc. Abends sitzen wir meistens ausgiebig an Deck plaudernd nach dem Abendessen zusammen, manchmal gibt´s Filmabende mit DVDs. Hin und wieder treffen wir uns mit anderen Seglern auf den traditionellen „Sundowner“ und Austausch von Seemannsgarn. Die Tage enden meist viel früher, als in Deutschland – die Sonne, hohe Temperaturen und viele Draußenaktivitäten machen sehr müde!

Lorenz auf Feuerfisch-Jagd mit einem speziellen dreispitzigen Speer (Hawaian Sling); hier mit frisch erlegtem Feuerfisch:

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Severin hält die Szene zeichnerisch fest:  „Lorenz speert den Lionfish, Mama fotografiert das Ganze“:

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Gabriel pirscht nach Feuerfischen:

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Severin beim Wracktauchen:

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Landausflug auf Stocking Island mit Totems und Summerwinds:

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Ganz ohne Frage: im Meer herrscht ein großes Fressen und Gefressen-Werden, wie wir im kleinen Biotop selbst schon haben beobachten können: Sevi liebt es, abends auf unseren beiden Heckplattformen zu hocken und zu beobachten, welche Fische und Tierlein durch das grünliche Unterwasserlicht der Sameera angezogen werden. Fachmännisch schlenkert er seinen blauen Casher durchs Wasser und ist dabei ein überraschend erfolgreicher Jäger geworden. In einem Wassereimer sammelt er regelmäßig seine Beute: Fischlein, Mini-Seeschlangen, Krabben und Krebse. Mit Grausen lässt sich dann in seinem Eimer beobachten, wer grad der stärkste ist. Meistens sind es die Krebse, die sich unverzagt alles einverleiben, was da im Eimer herumschwimmt. Meist leeren wir – Severin´s Protesten zum Trotz – den Eimer aus, bevor das Massaker seinen Lauf nimmt.

Auch beim Angeln haben wir schon gelernt, dass im Wasser auch andere jagen und unsere Beute nicht unbedingt uns gehört. Wenn man einen Fisch an der Angel hat, sollte man schon allein deshalb schnell den Fang hereinholen, weil es nicht selten passiert, dass der Fisch an der Angel von hinterherschwimmenden Haien geschnappt oder zumindest dezimiert wird.

Bislang sind uns Haie nur in sehr tiefen Gewässern auf dem Ozean begegnet. In den Bahamas hingegen nimmt die Hai-Dichte merklich zu.  Auf den Ragged Islands vor Water Cay verguckte sich ein ca. 2 Meter großer Ammenhai in unsere Sameera und umkreiste über Stunden das Schiff, als fühle er sich als unser privates Haustier.

Nurseshark:

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Von Menschen im Wasser halten sich Haie aber üblicherweise entfernt oder zeigen sich zumindest desinteressiert. Ihr Interesse gilt definitiv kleineren Subjekten.

Grad vorgestern haben wir ein spannendes Schauspiel erlebt: Roland und Gabriel hatten soeben an einem tiefen Riff einen Feuerfisch erlegt. Dieser steckte noch an dem Dreizack des Speers und zappelte, als ein Schwarzspitzen-Riffhai sich von unten annäherte und Kreise unter Gabriel drehte, der den Speer in der Hand hielt. Mit den Flossen streifte Gabriel den Feuerfisch dann vom Speer, welcher sichtlich angeschlagen davontreidelte. In dem Moment eilte der Hai mit zackiger Bewegung auf den waidwunden, flottierenden Feuerfisch zu, schwamm zunächst an ihm vorbei, um im nächsten Moment in einer blitzartigen Bewegung sein Opfer zu schnappen und mit zwei Kaubewegungen sauber zu vertilgen. Der Pilotfisch an seinem Bauch schaute traurig „in die Röhre“. Danach tauchte der Hai in absolut ruhigen, geschmeidigen Bewegungen wieder in die Tiefe ab.

Der Schwarzspitzenriffhai mit Pilotfisch:

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Wie immer hat man natürlich in solchen Situationen die Kamera nicht griffbereit gehabt. Aber unser emsiger Reise-Dokumentator Severin hat die Szene mal wieder zeichnerisch festgehalten:

Severin´s Hai-Zeichnung (entgegen Uhrzeigersinn zu lesen):

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Es gibt aber auch sehr viele ganz harmlose Unterwasser-Bewohner. Einer davon ist eine Meerjungfrau vor einem Klavier.

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Der treue und aufmerksame Leser unseres Logbuchs mag sich daran erinnern, dass wir schon zu Beginn unserer Reise vor Lanzarote nach von dem Künstler DeJason Taylor im Wasser versenkten Statuen getaucht haben. Genau dieser ist auch vom Zauberkünstler David Copperfield damit beauftragt worden, eine Skulptur vor einer seiner beiden Privatinseln auf den Exumas (Musha Cay / Rudder Cay) zu versenken. Es handelt sich dabei um eine zauberhafte Meerjungfrau, die sehnsüchtig dreinblickend neben einem Konzertflügel hockt, dessen Klavierhocker unbesetzt ist. Trotz starker Strömung, die einen förmlich vom Hocker riss, haben wir es nicht unversucht gelassen, der Meerjungfrau ein paar illusionäre Töne zu klimpern:

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Unter unserem Schiff entdecken wir auch immer wieder wunderschöne Stachelrochen. Sie durchstöbern dort den Sand nach Nahrung.  Wenn man dort taucht und selbst Sand aufwühlt, kommen sie voll Neugier näher, bremsen dann aber wieder ab, weil ihnen im letzten Moment offenbar einfällt, dass sie Menschen scheuen.

Stachelrochen:

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Vor Georgetown auf den Exumas wohnen an einem Strand allerdings ganz erstaunlich zahme Rochen, die sich neugierig nähern und die Füße „beschnuppern“, sobald man eine Weile still am Ufer steht. Severin war sogar so mutig, dass er sich ins flache Wasser legte und die  Rochen dann auf seinem Bauch entlangschnuppern konnten. Er war begeistert über diese Begegnung auf Tuchfühlung!

Es passiert also jede Menge unterhalb der Wasserlinie – und wir lieben es, in diese Welt einzutauchen….

Goldiger Kugelfisch vor seiner Höhle:

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Und last but not least gibt es hier noch schwimmende Schweine. Diese sind sozusagen zum Markenzeichen der Bahamas avanciert, da sie wirklich extrem possierlich sind, wie sie so im türkisen Wasser herumfloaten. Wir haben sie gestern besucht und ihnen einige Schiffsküchenreste (Kartoffelschalen, Karotten, Maiskolbenreste) mitgebracht, die sie leidenschaftlich schmatzend verdrückt haben. Besonders gierig haben sie sich auf das mitgebrachte Süßwasser gestürzt  – und zum Dank durften wir sie schubbern, kraulen und mit ihnen schwimmen.

Bahamas-Schweine in Big Major Spot Cay:

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Cuba libre

Ja, alle Formalitäten für unsere Einreise nach Kuba haben ohne Probleme geklappt – und somit standen uns Tür und Tor offen, um zumindest einen kleinen Eindruck von Land und Leuten dieser größten aller Karibikinseln gewinnen zu können.

Eigentlich war die Immigrations- und Customs-Prozedur für Kuba die erste in unseren Augen wirklich seriöse, denn hier mussten wir nicht im entsprechenden Büro ein Sümmchen Geld auf den Tisch legen und endlose Formulare ausfüllen (wie in allen bisherigen Immigration-Offices der bisher bereisten Länder), um alle notwendigen Stempel und Permits zu erhalten. In Kuba indessen kam tatsächlich ein Arzt an Bord der Sameera und untersuchte die gesamte Crew, es kam ein Veterinär an Bord, um die von uns eingeführten Lebensmittel und lebenden Pflanzen (wir haben seit Lanzarote einen kleinen Kaktus an Bord, den wir heiligst pflegen) unter die Lupe zu nehmen und auf Krankheitserreger und Sporen hin zu kontrollieren, es kamen zwei Drogenspürhunde an Bord und durchschnüffelten unsere Kabinen und der Harbourmaster machte Fotos von jedem Crewmitglied, die wiederum mit den Passfotos verglichen wurden. Zu guter Letzt mussten wir auch hier Geld bezahlen, um die notwendigen Visa ausgestellt zu bekommen. Dann erst und endlich durften wir das Land betreten, auf das wir wirklich schon seeehr neugierig waren.

Ärtzliche Untersuchung an Bord:

Arzt an Bord aufr

Unseren ersten Ausflug unternahmen wir mit Taxifahrer Victor, der uns mit seinem beeindruckend riesigen Dodge, Baujahr 1956, von der Marina abholte und uns nach Guardalavaca beförderte. Allein diese Fahrt hatte schon so viel Esprit! Wie kleine Spielzeugmännchen verschwanden wir in den unglaublich riesigen Ledersitzen dieses Oldtimers. Laute kubanische  Rhythmen versuchten das Getöse aus dem 6-Zylinder-Mercedes Benz-Motor zu übertönen, während wir durch die Landschaft cruisten, die Nasenspitzen in den Fahrtwind reckend und nach den anderen Fahrzeugen Ausschau haltend. Viele davon sind kleine Pferdekutschen, die hier immer noch das Standard-Vehikel für den Kubaner darstellen.  Und natürlich gibt es immer wieder wahnsinnig schöne und kreativ instandgehaltene Oldtimer in leuchtenden Farben. In Zeiten der Handelsabkommen mit der Sowjetunion wurden Autos aus dem Ostblock eingeführt, sodass auch jede Menge Ladas und Kamaz-Lastwagen das Straßenbild prägen.

Taxi Dodge  Sevi Dodge Heck

Guardalavaca ist ein ausgewiesenes Touristenörtchen, mit Hotelanlagen für Ausländer, Kunsthandwerksmarkt und Flaniermeile an weißem Traumstrand. Uns war bewusst, dass unser Ausflug dorthin uns nur einen sehr verzerrten, artifiziellen Einblick in „Kuba“ geben würde, haben aber „zum Warmwerden“ die Landschaft und vor allem die wunderbaren alten Autos und Kutschen dort sehr genossen.
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Am nächsten Morgen dann das Kontrastprogramm: ein Besuch des lokalen Wochenmarktes in Santa Lucia, auf dem die Bauern der Umgebung ihr Obst, Gemüse, Hühner, Wurst und Frischfleisch feilbieten.  Kundschaft sind hier zu ungefähr 100% Kubaner. Dass Touristen sehr selten den Weg hier hinfinden, war allein schon daran zu merken, dass ausschließlich mit der nationalen Währung, dem CUP bezahlt wird und wir mit unserer Touristenwährung, dem CUC – Pesos convertibles – gar nichts anfangen konnten.  Freundlicherweise hatte uns der Taxifahrer vom Vortag CUC gegen CUP eingetauscht, sodass wir aber doch Obst und Gemüse für unsere Bordvorräte kaufen konnten.  Vom Fleisch, das auf den Marktständen für den europäischen Geschmack etwas krude dargeboten wurde, haben wir vorsichtshalber nichts erstanden. Vor allem die auf den Verkaufstischen dekorierten Schweineköpfe haben Severin fasziniert und ihm zugleich einen Schauer über den Rücken gejagt. Er war übrigens heilfroh, dass er sein Plüschtier, das Kuschelschwein „Beinsch“ an diesem Tag mal ausnahmsweise nicht mit auf den Ausflug mitgenommen hatte…..

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Gleichwohl haben wir uns auf diesem Markt sehr, sehr wohl gefühlt, denn alle Leute dort haben uns so überaus freundlich willkommen geheißen, hatten ein Lachen oder zumindest Lächeln auf den Lippen, auf dem Markt herrschte förmlich heitere Jahrmarktstimmung. Das ist uns allgemein in Kuba besonders aufgefallen: wie positiv und offenherzig die Menschen erscheinen und auf uns zugekommen sind.

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Muttertag ist in Kuba ein ganz besonderer Tag, der nicht nur innerhalb der eigenen Familie gefeiert wird, sondern jede Mutter wird einfach von jedem mit Glückwünschen überhäuft.  Während eines Spazierganges in der Wohngegend nahe unserer Marina wurden wir von dieser Tradition völlig überrascht. Die Anwohner kamen aus ihren Häusern und Gärten gelaufen, um mir (offensichtlich Mutter, da ja mit 3 Jungs unterwegs) herzlich zu gratulieren und ein paar radebrechende Worte auszutauschen, uns wurden spontan und insistierend Mangos, Ananas und Kokosnüsse geschenkt, die wir kaum schafften, abzulehnen. Von einer Dame (Senora Ana) wurden wir kurzerhand zum Abendessen eingeladen, das sie mit ihrer Familie  zum Muttertagsfest im Garten feierte. Die Wohnverhältnisse waren karg, die Atmosphäre dafür umso herzlicher. Immer wieder durchzuckte mich der Gedanke, ob wir evtl. mit einem Hintergedanken eingeladen wurden – aber so sehr ich auch argwöhnte: es war davon nichts zu spüren! Auf meine Frage, wie wir uns bei ihnen bedanken könnten, kamen lange nur ablehnende Antworten. Erst nach weiterem Drängen meinerseits sagten sie dann, dass sie sich über ein Handtuch sehr freuen würden; ob wir dies wohl aus unserem Schiffshaushalt entbehren könnten…?

Familie Ana

Einen weiteren, etwas größeren Ausflug haben wir von der Nord-Küste aus bis nach Santiago de Cuba im Süd-Osten der Insel unternommen, der zweitgrößten Stadt Kubas nach Havanna. Da Mietwagenpreise auf Kuba horrend sind, haben wir die Strecke bis dorthin (ca. 150 km) mit einem Taxi – einem sehr kultigen und sehr klapprigen roten Chevrolet – zurückgelegt. Motor und Getriebe des Taxis waren diesmal so laut, dass von den lauten kubanischen Rhythmen aus dem Radio schier nichts zu hören war… Aber lustig war´s – und sicher viel authentischer, als wenn wir die Strecke mit einem modernen Kleinwagen zurückgelegt hätten.

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Allein die Fahrt bis nach Santiago de Cuba haben wir als sehr aufschlussreich erlebt, denn unser Taxifahrer Kico hat uns auf dem Weg dorthin durch völlig untouristische Gegenden gefahren: vorbei an vielen kleinen palmgedeckten Hütten, was die übliche Unterkunft der Kubaner ist, aber auch durch größere Städte wie Holgúin mit Plattenbauten und vorbei an Kombinaten angeschlossenen Plattenbausiedlungen „im Nirgendwo“.

Wohnhaus Land       P1050862-Wohnhaus 1-klein

Che, Raúl und Fidel sind allgegenwärtig: immer und überall sieht man große Plakatwände, die mit sozialistischen kämpferischen Parolen aufwarten und / oder die Konterfeis der sozialistischen Größen zeigen. Dazu liegen jenseits der Straßenränder regelmäßig Findlinge unterschiedlichster Größe, die handbemalt ebenfalls sozialistische Ermunterungen vermitteln.

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In Santiago angekommen, haben wir auch – unter Anleitung einer lokalen Stadtführerin,  Lianne – als erstes einmal das Grab des Maximo Liders besucht, der hier im November des vergangenen Jahres möglichst nahe bei seinen gefallenen Mitstreitern der revolutionären Kämpfe begraben wurde. Ein monumentaler Felsen (aus der revolutionären Kampfgegend der Sierra Maestra hierher gebracht) trägt schlicht die Aufschrift FIDEL.

Grabstätte des Maximo Lider:

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Auf dem ansonsten mit weißem Marmor gestalteten Friedhof haben wir noch weitere Gräber der großen Nationalhelden Kubas besucht (José Marti, Manuel Céspedes) und Vorträgen unserer Stadtführerin über deren Verdienste für das Vaterland gelauscht. Als wir am Grab der Familie Bacardi (Rum!) vorbeikamen und ein paar Fragen zu ihrer Geschichte und Rolle für Kuba stellten, wurden die stadtführerischen Erläuterungen auffallend schmallippig, da Bacardi´s Abwanderung aus Kuba nach Amerika nach ihrer Enteignung ganz offensichtlich als nationaler Verrat gilt.  Eine andere Position dazu liest sich interessant – siehe Literaturhinweis unten.

Nach einem Mittagessen haben wir dann in Begleitung unserer Stadtführerin die Altstadt erkundet: die Kathedrale,

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das älteste erhaltene Haus Kubas (Casa Diego Velásquez), die Hafenbucht, Teile der Fußgängerzone und die Casa de la Trova (Haus der Begegnung), in dem täglich lokale Künstler ihre Musik darbieten.  Eine spontane künstlerische Darbietung, kombiniert aus Zauberei und Gesang, wurde auch für uns gegeben, als wir an der Casa de la Trova vorbeiflanierten.

Trovasänger aufr   P1000080-Casa de la Trova-klein

Am nächsten Tag (nach der Übernachtung in einer privaten Unterkunft, wie es in Kuba üblich ist) haben wir dann die Stadt auf eigene Faust erkundet und sind dabei in deutlich weniger repräsentative Gegenden gekommen. Santiago kämpft sichtlich gegen den baulichen Verfall – die weitaus meisten Häuser der Stadt sind vorrevolutionären Baujahres und haben durch den Zahn der Zeit und Hurricanes deutlich Schaden erlitten.

Straßenszene Santiago   P1050888-Wohnhaus-klein

Doch in der Planwirtschaft standen und stehen zu wenig oder sogar keine Materialien zu Verfügung, um die Häuser instand zu halten. Das macht Organisationstalent und Improvisation notwendig. Diese beiden Fähigkeiten sind in Kuba wohl lebenswichtig.

Die Tatsache, dass in Kuba mit zwei Währungen gehandelt wird, dem „Touristengeld CUC“ und dem relativ wertlosen nationalen Peso „CUP“, fördert unserem Eindruck nach in besonderem Maße eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Wer es schafft, an CUCs zu gelangen, zieht das große Los. Wer in der „CUP-Welt“ lebt, erleidet hingegen Mangel. Kubaner erhalten nach wie vor Lebensmittelzuweisungen -„raciones“  für Eier, Bohnen, Reis und weitere Grundnahrungsmittel aus den Kombinaten.  Die Zuteilungen sind jedoch so gering und schwer erhältlich, dass „organisiert“ werden muss. Mit dem nationalen Peso allerdings, der als Lohn an den arbeitenden Kubaner ausgezahlt wird,  ist kein Start zu machen. Nur mit dem CUC ist es möglich, Luxusgüter zu bezahlen, Baumaterialien zu erhandeln und in Supermärkten einzukaufen, deren Regale nicht leer sind. Diese heißen dann Luxussupermärkte.

Der aufblühende Tourismus in Kuba nach den gelockerten Einreisebestimmungen für Ausländer, die mühsam aufstrebende Wirtschaft des Landes kombiniert mit der seltsamen 2-Währungs-Politik scheinen eine gewaltige Herausforderung für Kuba zu sein, die die kubanische Gesellschaft in zwei Parallelwelten zu spalten droht.

Übrigens auch bei unserer Abreise aus Kuba wurden wieder extensive Kontrollen an unserem Boot vorgenommen, u.a. um auszuschließen, dass wir möglicherweise Personen ausschmuggeln könnten. Bis zu einem echten Cuba libre, welches wir den wunderbaren Menschen hier von Herzen wünschen, scheint es noch ein weiter Weg zu sein….

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Lesenswert: BACARDI – and the long fight for Cuba.
von Tom Gjelten, Penguin Vlg, ISBN 978 – 0 – 14 -311632-5