Spuren

Unglaublich, wenn ich mir meine Kinder anschaue: wie abgerockt ihre Klamotten inzwischen sind. Naja, wenn ich an uns Erwachsenen herunterschaue, ist das auch nicht wirklich besser…. Alle unsere Kleidungsstücke sind nach den mehr als 9 Monaten, die wir nun schon auf See leben, von der Sonne ausgeblichen, vom Salzwasser ausgewaschen, zum Teil zerlöchert – und überall finden sich die „Geheimzeichen aller Segler“: Rostspuren, die die unvermeidlich rostenden Wäscheklammern auf den auf der Reling zum Trocknen aufgehängten Kleidungsstücken hinterlassen.

Wenn ich mir das so anschaue, fällt mir aber auch auf, was für eine Leichtigkeit mit diesem Verlotterungszustand verbunden ist: herrlich, wie unendlich egal es hier ist, welche Klamotten in welchem Qualitätszustand man anhat. Eindeutig gilt hier: Kleider machen keine Leute.

Je näher der Juli rückt, umso mehr stellt sich natürlich die Frage: wie wird das sein, sich wieder in den Alltag in Deutschland einzusortieren? Was werden wir alle schmerzlich vermissen – über die unbekümmerte Garderobe samt Rostspuren hinaus – , wird es Dinge geben, an die wir uns so gar nicht mehr gewöhnen mögen? Was können wir von unserer Reise „mitnehmen“, welche Spuren in das Alltagsleben in Deutschland einbringen?

Für mich persönlich kann ich schon mit Sicherheit sagen, dass ich den allmorgendlichen Sprung ins kühle Meerwasser sehr vermissen werde… und das intensive Zusammenleben, die viele gemeinsame Zeit von uns fünfen an Bord. Zeit zum Lesen und Plaudern zu haben. Die täglichen spannenden Erlebnisse. Und Palmen.

Zugleich machen sich bei uns aber auch, so nach und nach, die ersten Anzeichen von Heimweh bemerkbar. Vor allem die kids reden zunehmend häufig über die Dinge, auf die sie sich schon freuen, wenn wir wieder in Deutschland sein werden. Sie phantasieren vom „köstlichen Braumeisterpfanderl“ aus dem Isarbräu, von unserem Apfelbaum im Vorgarten, der aktuell volle Blüte trägt (wie wir durch Fotos von zu Hause wissen), vom gemütlich Zusammensitzen vor dem Kamin, von den Großeltern, unserem Hund Luna und von ihren Freunden. Das ist für uns irgendwie ein sehr beruhigendes Gefühl, dass die Vorfreude auf zu Hause wächst, obwohl es doch hier, wo wir gerade sind, so durch und durch paradiesisch ist. Wie schwierig wäre es, wenn wir alle nur widerstrebend nach Deutschland zurückkehren würden…

Wenn ich hin und wieder Fotos von Freundinnen und Freunden per Whatsapp aus „der Heimat“ erhalte, freue ich mich riesig darüber: Fotos z.B. aus Südtirol, vom Strand in Wangerooge, den Düsseldorfer Kasematten, Alpenpanoramen, Ibiza und dem Berliner Tiergarten. Da wächst die Lust darauf, in naher Zukunft das alles wieder in der Nähe zu haben und vielleicht in zukünftigen Urlauben und Ausflügen das eine oder andere besuchen zu können.

Aber bis dahin ist es ja noch eine Weile; noch sind wir hier und können hier genießen. Nachdem wir die vergangenen zwei Wochen auf den Turks & Caicos (vor allem beeindruckend wegen der unendlich vielen Türkistöne und wunderschönen Tauchspots) und auf Great Inagua in den Bahamas (Herberge von ca. 50.000 Flamingos) verbracht haben, sind wir aktuell auf dem Weg nach Kuba. Seit Jahren ein Land unserer Träume!  Gerade habe ich Nachtwache – bei hellstem Vollmond fahren wir an der nördlichen Ostküste von Kuba entlang, um morgen vormittags in Puerto Vita auf Kuba anzulanden. In dem dortigen Port of Entry hoffen wir, alle Einreiseformalitäten gut über die Bühne zu kriegen, um dann Teile der Insel per Mietwagen zu erkunden.

Wir sind schon sehr gespannt!

 

Turks & Caicos

Nach einer recht ruppigen Überfahrt (2,5 Tage dauernd) vom Süden Puerto Ricos aus durch die Mona-Passage in Richtung Bahamas haben wir eine wunderbare „Zwischenstation“ gefunden, in der wir vor lauter Begeisterung über dieses Einland am Ende der Welt erst einmal 4 Tage geblieben sind. Unfassliche Türkistöne ringsherum – einfach wunderbar! Die Insel (Big Sand Cay) ist ausschließlich von Vögeln bewohnt, sonst nur Ruhe und Meeresrauschen!

Sameera in Türkis:

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Delfine auf der Passage:

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Von der Karibik gen Bahamas

Unsere Reise führt uns weiter gen Norden – und damit nun heraus aus der Karibik (dem karibischen Meer), gen Bahamas und dann weiter, so der Plan, bis nach Florida. Damit trennen sich nun die Wege von den meisten unserer „Segel-Freunde“, mit denen wir in den vergangenen Monaten regelmäßig Passagen gemeinsam verbracht haben. Einige von ihnen fahren gen Süden, um während der Hurricane-Saison ihr Schiff, zum Beispiel in Grenada, auszulagern und dann später weiterzureisen, andere haben ihre Reise schon abgeschlossen und lassen ihr Schiff zurück nach Europa, Australien etc. transportieren oder verkaufen es in der Karibik.

In den vergangenen Wochen haben wir uns also ausgiebig von unseren Freunden der Nelia, der Oysterbar, der Laridae und der Kattami verabschiedet, meistens haben wir noch ein paar gemeinsame Tage in schönen Buchten verbracht und gemeinsam geschnorchelt, Land-Ausflüge unternommen, gekocht, gespielt und ausgiebigst geplaudert (bei dem einen oder anderen Rum-Punch).

Nelia-kids und Severin auf der Sameera:

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Laridae und Sameera-kids im Dinghy:

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Mermaid Eliana zu Besuch an Bord der Sameera:

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Abschied:

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Karneval in Salinas (Puerto Rico) mit den Kattamis und Nomads:

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Jahrmarktstimmung in Salinas:

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Besonders traurig sind wir aber darüber, dass die befreundete Crew der Kirikou ihre Reise vorzeitig abbrechen musste. Ihr schönes Schiff wurde vor Saba – während die Familie auf Hiking-Tour unterwegs war – von einer Mooring abgerissen und auf die Felsen der Steilwand von Saba getrieben. Erst nach 5 Tagen, während denen raues Wetter das Schiff auf die Felsen schlug, konnte ein Rettungsboot die Kirikou aus der misslichen Lage abschleppen. Das Schiff hat traurigerweise Totalschaden erlitten. Nachdem die Familie aus dem Schiff zu retten versucht hat, was ging, musste sie inzwischen zurückkehren in die Heimat. Wir drücken ihnen von Herzen die Daumen, dass sie ihren wunderbaren Optimismus bewahren, neue Pläne schmieden und vielleicht doch bald eine andere, neue gemeinsame Reise starten können!

Die Karibik gilt als der Inbegriff von Palmenstränden, klaren Gewässern und bunten Tauchrevieren. Und tatsächlich haben wir davon so einiges sehen und erleben dürfen! Was für eine außergewöhnlich schöne Zeit wir hier verbringen konnten! Dass aber die Bahamas und die etwas südlich davon gelegenen Exumas ebenfalls mit paradiesischen Eilanden und legendär türkisem, klaren Wasser locken, scheint weit weniger bekannt.

Uns wurde jedenfalls lebhaft und bildreich von anderen Seglern darüber berichtet – und so freuen wir uns auf dieses neue Segelrevier auf unserem Weg in Richtung USA. Wenn alles klappt und das Wetter mitspielt, wollen wir auf dieser Route auch einen Abstecher nach Cuba einplanen. Bis Mitte Juli haben wir ja noch Zeit und somit hoffentlich noch jede Menge neue Abenteuer vor uns!

 

 

 

 

Spanish Virgin Islands und Puerto Rico

Auf den Besuch von Oma Karla im März hatten sich insbesondere die Kinder schon allein deshalb so gefreut, weil die erste Woche des zweiwöchigen Besuches als gemeinsamer Aufenthalt in einem Hotel auf Tortola geplant war. Urlaub vom Urlaub sozusagen. Nach so langer Zeit auf dem Segelboot, auf dem der Raum naturbedingt begrenzt ist, war die Phantasie, in hallenartigen Räumen und quadratkilometergroßen Kingsize Betten schlafen zu können, für die kids total verlockend. Ansonsten haben sie in dieser Zeit den Swimmingpool eigentlich nur zu den Mahlzeiten und zum Schlafen (und gelegentlichen Ausflügen) verlassen. Ihr Daueraufenthalt in dem gechlorten Wasser führte dazu, dass ihre durch die Sonneneinwirkung der vergangenen Monate stark erblondeten Haare sich plötzlich grün verfärbten. Wie bei echten Wassermännern halt, konnten wir den leicht irritierten Severin beruhigen.

Unermüdlicher Wassermann-Turm:

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Happy:

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In der zweiten Woche waren dann aber alle wieder froh, auf die Sameera zurückzukehren, die doch für uns ein Stück schwimmende Heimat geworden ist. Die Lust, stets neue Ufer zu erkunden, teilt Oma Karla ja mit uns. Und so besuchten wir einige der zu den British Virgin Islands gehörenden Inseln (Peter Island, Jost van Dyke, Sandy Cay etc.), die allesamt so nah beieinander liegen, dass man beim Segeln zuweilen den Eindruck hat, man befinde sich auf einem großen See – Land soweit das Auge reicht. Die Jungferninseln stellen gerade deswegen ein beliebtes Segelrevier dar, weil man so problemlos und flott von einer Insel zur nächsten hoppen kann – und jede Insel ist schön, viele von ihnen mit traumhaften Tauch- und Schnorchel-Möglichkeiten. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass es zuweilen in den Buchten sehr voll und manchmal auch laut ist: die BVI scheinen eine munter frequentierte Partyzone für amerikanische Chartertouristen, von denen viele ihre Umgebung gern mit lauter Popmusik beschallen und allerorten den für die BVIs legendären „Painkiller“ konsumieren.

Da wir uns vorgenommen hatten, unser Crewmember Karla bis nach Puerto Rico zu bringen, von wo ihr Rückflug gen Deutschland starten sollte, ging es alsbald weiter gen Westen, über die Spanish Virgin Islands (Culebra, Vieques) bis zur Ostküste von Puerto Rico.

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Wie stark der mit dieser Westbewegung verbundene „Kultur-shift“ ist, hat uns sehr fasziniert: klar, es wird Spanisch gesprochen. Dazu erklingen überall lateinamerikanische Rhythmen, die Leute sind auffallend aufgeschlossen, freundlich und gesprächsfreudig. Vor allem das relativ dicht besiedelte Puerto Rico zeigt sich pulsierend und quirlig – es ist, wie in eine andere Welt zu plumpsen. Die extrem gechillte, manchmal schon provokant erscheinende layed-back Haltung mit obligater Bob-Marley Musik der südlicheren Karibik-Inseln mit meist spärlicher Infrastruktur steht im krassen Kontrast zu der aufgedrehten Vitalität, wie wir sie auf Puerto Rico erlebt haben.

Auch die amerikanischen Einflüsse sind hier nicht zu verkennen: man hätte den Kindern kaum ein prägnanteres Beispiel für den Begriff der „MacDonaldisierung“ bieten können. Wir haben in unserem Leben noch nicht so viele Fast-Food-Läden aller Couleur, einen an den anderen gereiht, gesehen, wie in den puerto-ricanischen Städten Fajardo und San Juan.

Gleichwohl gibt es auf Puerto Rico auch unendliche Weiten unbewohnter und tropisch-exotischer Landstriche und Küsten mit Bilderbuchstränden. Per Mietauto haben wir uns auf Erkundung begeben und den Inselstaat sehr genossen. Oma Karla mussten wir leider schon zeitig wieder „abliefern“ – wir danken Dir sehr für die schöne gemeinsame Zeit mit uns hier!

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Dass Puerto Rico noch einiges mehr zu bieten hat, als einsame Strände, geschäftige Einkaufs-Malls, Fast-Food und Großstadtflair zeigte sich z.B. bei unserem Ausflug nach Arecibo im Nordwesten der Insel, wo sich das weltweit größte Weltraum-Observatorium zur Ionosphärenforschung in Form eines gigantischen Radioteleskops befindet.

Einige unter Euch können sich evtl. noch daran erinnern, dass es eine Zeit lang unter Studenten „in“ war, auf ihrem PC das Programm „SETI@home“ (Search for Extra-Terrestrial Intelligence) laufen zu lassen, das immer dann aus ebendiesem Arecibo zur Verfügung gestelltes Datenmaterial nach „Zeichen von Außerirdischen“ abgegrast hat, wenn der studentische PC grad im „Pausenmodus“ war – quasi ein Bildschirmschoner mit dem Ohr ins Universum.  Unsere studentischen PCs damals waren im Weltraum-Abhören jedenfalls sehr fleißig…. 🙂 – haben aber leider keine geheimen Botschaften entziffern können….

Neben diesem lustigen SETI-Projekt wird aber in Arecibo noch viel mehr Forschung betrieben, welche unter anderem 1993 den Nobelpreis für Physik eintrug. Es handelt sich bei dem Observatorium um eine Anlage, die 1960 von einigen absolut visionären Forschern (allen voran W.E. Gordon) initiiert und zwischen 1960-1963 inmitten des puerto-ricanischen Dschungels erbaut wurde. In einfachen Worten sammelt eine überdimensionierte, mit knapp 40.000 Aluminiumpaneelen ausgelegte „Schüssel“ mit mehr als 300 m Durchmesser Radiowellen aus dem Weltall ein, bündelt sie in einer darüber befindlichen, nach unten offenen Halbkugel mit Spezialantennen und Spiegelteleskop, dem sogenannten Gregory-Spiegelsystem. Anschließend werden die gesammelten Daten „durchmustert“.

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Anwendung finden diese Daten in der Radioastronomie, in der u.a. ferne Sterne, Kometen und Pulsare untersucht werden, und in der Atmosphärenforschung (www.naic.edu). Pro Jahr wird ca. 200 Forschern aus aller Welt Zugang zu dem Teleskop und den Daten gewährt, die sich dann monatelang in das Gästehaus gleich nebenan einigeln und forschen.

Dem Observatorium angeschlossen ist ein kleines Besucherzentrum, das mit unterschiedlichsten Modellen und Versuchsanordnungen das Radioteleskop und die Forschungsinhalte veranschaulicht.

Krater-Experimente:

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Severin „bedroht“ durch einen einst in Namibia eingeschlagenen Meteoriten:

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Planeten-Modelle:

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Hier haben wir Stunden verbracht – die Jungs haben sich begeistert und elegisch durch alle Exponate durchexperimentiert. Seitdem redet insbesondere Severin buntschillernd über Super-Novas, Pulsare, Planeten und  Außerirdische, was sich auch in seinen täglichen Zeichnungen anschaulich ausdrückt:

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Uns hat tief beeindruckt, wie visionär und entschlossen die Handvoll  Forscher damals waren und bis heute sind, dass ein solches Projekt inmitten des puerto-ricanischen Dschungels realisiert und bis heute betrieben werden kann.

Nach unserem ausgiebigen Aufenthalt auf Puerto Rico haben wir uns dann aber wieder auf die deutlich ruhigeren Nachbarinseln Vieques und Culebra zurückgezogen, um in den Riffen zu schnorcheln, nächtlicher Bioluminiszenz nachzustellen und unseren Bootsalltag zu genießen. Dort haben wir auch unsere Freunde der Nelia verabschiedet, mit denen wir in den vergangenen Monaten viele unserer Ziele in „loser Assoziation“ gemeinsam angesteuert und erkundet haben. Sie werden ihr Schiff verkaufen und haben mit dem neuen Eigner eine Übergabe in der südlichen Karibik vereinbart.

„Offizielles Abschiedsfoto  Nelia / Sameera“:

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Wir hingegen werden weiter Richtung Norden / Nord-Westen reisen, um die Bahamas zu erkunden und unsere Reise in Florida abzuschließen. Ja, so langsam müssen wir leider schon an das Ende unserer großen Reise denken…. Und so haben wir uns entschlossen, die Sameera zum Verkauf anzubieten. Siehe http://www.sailing-sameera.de/sameera-for-sale/

Selbstverständlich hängt an diesem Schiff inzwischen viel „Herzblut“…. Wir hoffen sehr darauf, dass die Sameera einen neuen Besitzer findet, der die besonderen Eigenschaften dieses „Modern Vintage Boat“ zum absolut autarken Cruisen und entspannten Loungen auf dem super-geräumigen Deck so wie wir lieben wird….

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Kaffee aus Puerto Rico

Das ist Kaffee aus Puerto Rico. Um es klar zu stellen: nicht nur der Kaffe ist aus Puerto Rico, auch die Milch und das Gas, mit dem wir ihn gekocht haben. Der beste Kaffee, den wir seit einiger Zeit getrunken haben.

Kaffeeadapter

Zuhause haben wir einen Elektroherd, aber manchmal habe ich mir dort einen Gasherd gewünscht. Auf der Sameera kochen wir mit Campinggas. Das gilt unter Seglern in Europa als vergleichsweise teure, dafür aber „deppensichere“ Art und Weise, diesen Brennstoff an Bord mitzuführen. Die typischen blauen Flaschen in Standard Größen gibt es in fast allen Ländern der Welt, oder sie werden unkomplizert befüllt. Ich würde nicht soweit gehen zu sagen, dass ich nur deswegen gerne auf der Sameera unterwegs bin, aber den morgendlichen Kaffee auf dem Gasherd zu kochen, das ist doch ein Stück Lebensqualität beim Segeln.

Auf unserer Segelreise überqueren wir Grenzen. Grenzen von Ländern, von Sprachen, eigene und bisweilen anderer Leute persönliche Grenzen. Für das Überqueren von Landesgrenzen mit dem Segelboot gibt es eigene Begriffe und Tätigkeiten: „Einklarieren“ beschreibt den Prozess des Anmeldens von Schiff und Crew in dem Land, über dessen Grenze man eben eingereist ist. Der Ablauf ist immer ähnlich: Der Skipper macht sich landfein und begibt sich nach der Einreise zum Zoll- und Immigrations Büro. Dort werden viele Daten aus den Schiffspapieren und Reisepässen in die ortsüblichen Formulare mit der ortsüblichen Anzahl von Durchschlägen – drei bis fünf- eingetragen, diese werden dann von Zoll- und danach Immigration-Offiziellen abgestempelt. Der Skipper unterschreibt die Kenntnisnahme der ortsüblichen Gesetze, zahlt den ortsüblichen Obolus, und erhält dafür das „Cruising Permit“, welches es erlaubt, in den Gewässern des Landes zu Segeln und zu Ankern.

Man kann sich gut auf diese Überquerungen vorbereiten, und sollte das auch tun: Die Grenzen sind klar in den Seekarten verzeichnet, die ortsüblichen Details lassen sich vorab im Internet recherchieren. Das ist ein beliebtes Gesprächsthema unter Seglern und kann die Reiseroute beeinflussen: „Wir fahren nicht nach XY, das Cruising Permit dort kostet ja über 300 US$“.  Oder: „für die paar Tage in YZ ist mir das Einklarieren dort zu aufwendig“.
Wir haben auch schon Einklariert, ohne alle Details im Vorfeld zu kennen.  Das funktioniert manchmal ganz gut. Die Offiziellen sind entgegen aller Gerüchte meist hilfsbereit und heutzetage auch nicht mehr auf das Bargeld schlecht informierter Segler aus.

Etwas besonderes ist jedoch das Einreisen in die Gewässer der USA. Die Vorbereitungen sind größer als bei jeder anderen Grenze. Monate vorher haben wir im Internet Formulare ausgefüllt, um die Visa zu beantragen. Waren auf Barbados in der US Botschaft für ein Interview, haben  unsere Pässe abgegeben und konnten sie erst nach einigen Tagen -inklusive der Visa- wieder abholen.

Und waren dennoch nervös, als wir von den Virgin Islands Richtung Puerto Rico segelten.  Auf Culebra wollten wir für die US-Gewässer Einklarieren. Am Tag vorher musste eine befreundete Crew Strafe zahlen und wurde wieder zurück geschickt, weil sie die falschen Visa hatten. Für uns aber hatten sich die vielen Stunden am Rechner gelohnt: Alles war korrekt, die Dame von CPR freundlich und hilfsbereit und das Cruising Permit nicht mal besonders teuer.

Wir hatten es geschafft, diese Grenze zu überqueren. Nach einigen entspannten Tagen auf Culebra segelten wir weiter nach Fajardo. Zeit, unsere Essensvorräte mal wieder richtig aufzufüllen, hier gibt es Infrastruktur, ein Mietauto muss her. Einfach umherfahren, Land und Leute erkunden, das gefällt uns hier richtig gut: Alle sind freundlich, sprechen verständliches Spanisch und, falls unser Spanisch nicht reicht, auch noch Englisch. Dazu läuft als Soundtrack ständig coole Latino-Musik.
Das Angebot in den Supermärkten ist sensationell, von jedem Ausflug bringen wir Vorräte mit und bunkern sie in der Sameera. Und scheinbar kochen hier alle mit Gas! Uns fällt auf, dass die LPG Flaschen hier allgegenwärtig sind. Auf PickUps und Lastern werden sie ausgeliefert, hinter jedem Haus und jedem Restaurant gibt es einen kleinen Anbau dafür. Während eines halben Tages fahren wir bei mindestens drei Gashändlern vorbei.  An einem der nächsten Tage werden wir also unsere blauen Flaschen im Auto mitnehmen, um auch die Gasvorräte aufzufüllen.

Wir haben nicht alle Grenzen im Voraus erkannt. Manche haben wir nur geahnt, davon gehört, aber es versäumt die Konsequenzen für die eigene Crew zu prüfen. Und sie dann wieder vergessen. So lernen wir die Campinggaz-Grenze kennen. Klar, Puerto Rico gehört zu den USA, hier ist LPG Propan, es gibt andere Flaschen, andere Gewinde für die Befüllstutzen und vor allem: kein Campinggas.

Auf der Internetseite von WestMarine finden wir einen Adapter, der das Problem lösen soll. Ein paar Bronzefittinge, die den US-Befüllstutzen mit der europäischen Flasche verbinden. Aber jetzt sind die 114 US$ eine persönliche Grenze des Skippers, die nicht überschritten werden kann:  Segler sind Bastler, hier gibt es reichlich Ferreterieas und Baumärkte (cooler Name:  „National Lumber“) mit großer Auswahl. Kein Problem, das für einen Bruchteil der Kosten selber zu bauen. Aber nach einiger Zeit intensiver Suche wird uns langsam klar, dass wir die notwendigen Bauteile hier nicht finden.

Dann kommt das letzte Gas aus der letzten blauen Flasche und uns wird sehr schnell klar, dass die Lebensqualität stark negativ beeinflusst wird, wenn man gar keinen Kaffee mehr kochen kann.

Die persönliche 114 US$ Grenze gerät angesichts absehbar notwendiger Restaurantbesuche und der auflaufenden Miete für Auto und Liegeplatz unter Druck. Also bei WestMarine Formulare ausfüllen und den Adapter für einen Obolus von 157US$ inkl. Steuern und Expresslieferung bestellen. Das Überqueren dieser Grenze fällt dann gar nicht mehr schwer. Ein bisschen fühlt es sich an wie Einklarieren, um das nächste „Cooking Permit“ zu erhalten.

Die Lieferzeit beschert uns eine weitere Reise: Raus aus der Marina, wieder segeln und ankern. Ungewöhnlich günstige Winde bringen uns schnell nach Culebra zurück, wo wir uns so wohl gefühlt haben. Die Überquerung der Campinggas Grenze hatte uns vollkommen überrascht. Aber hier, beim Schnorcheln am Riff, erholen wir uns davon, essen vortreffliche belegte Brote und geniessen frischen Salat.

Vor fünf Uhr aufzustehen ist eine persönliche Grenze, die ich oft nicht überquere. Vor allem wenn es dazu keinen Kaffee gibt. Es macht dann keinen Unterschied in der Lebensqualität, ob der Kaffee nicht auf einem Gasherd oder nicht auf einem Elektroherd gekocht wurde.  Aber die Fähre nach Fajardo fährt um sechs und der Gasadapter ist da. Diesmal sind wir gut vorbereitet. Der Taxifahrer ist nett und fährt uns nicht nur zu Westmarine, sondern weiter zur Gasfüllstation. Das Gas überwindet die Grenze dank Adapter weitgehend unspektakulär und bleibt unter hohem Druck in den Flaschen drin.  Von uns hingegen fällt ähnlich hoher Druck ab, die Zeit bis zur Rückfahrt geniessen wir total glücklich.

erfolgreiche Gasbefüllung

Auf der Fähre gelten ähnliche Sicherheitsbestimmungen wie im Flieger, unter anderem dürfen keine Gasflaschen transportiert werden. Heute Nachmittag erweist sich diese Grenze als außerordentlich transparent, denn ausgerechnet unsere beiden Rucksäcke werden nicht mit dem Metalldetektor kontrolliert. Das war Severins Beitrag zu dieser Aktion!

Zurück auf der Sameera kochen wir uns den besten Kaffee der letzten Tage…